Good News · Kolumne
Der Kaiserschmarrn-Skandal: Wenn’s auf der Alm keinen Tofu gibt
Fluffig, karamellisiert und heiß umstritten: Über keinen Schmarrn wird gerade mehr diskutiert als über Wirt Leonhard Unterwurzacher und die Johannishütte in der Venedigergruppe.
Zwei-Klassen-Alm auf 2121 Metern: Der Wirt kocht mit dem, was seine Nachbarn produzieren. Milch, Fleisch, Eier von Prägratner Bauern. Ein Satz auf der Karte, dass er das so beibehalten will. Und plötzlich bricht auf Social Media eine (kommunikative) Lawine los, für die man sonst extra ins Tal fahren müsste. Wir haben hier den berechtigten Aufschrei von Martin Graf übernommen und unten kommentiert.
Leonhard Unterwurzacher betreibt die Johannishütte in der Venedigergruppe, eine DAV-Hütte, die im vergangenen Jahr sogar mit drei Edelweiss von Falstaff ausgezeichnet wurde. Er schreibt auf seine Speisekarte, dass er die kleinstrukturierte Almwirtschaft der Region erhalten will und deshalb nicht vegan kocht. Jemand fotografiert den Satz, postet ihn bei Instagram. Von da an läuft es wie immer: Ein Screenshot reicht, die Empörungsmaschine braucht keinen weiteren Input.
Die Bewertungen stürzen ab. Menschen, die nie dort waren, erklären ihm, er lebe im letzten Jahrhundert. Andere nennen seine Haltung eine Frechheit. Die Sektion Oberland des Alpenvereins, der die Hütte gehört, meldet sich bei ihm und antwortet in den Kommentarspalten brav auf jede einzelne Beschwerde, man bedauere, dass sich Gäste ausgeschlossen fühlten. Unterwurzacher sagt inzwischen, er müsse als Pächter vielleicht gehen. Wegen eines Satzes über Milch und Eier von Bauern aus dem eigenen Tal.
Was war noch mal das Vergehen? Der Mann hat niemanden vom Berg gejagt. Wer vegan essen will, bekommt auf der Hütte Kartoffeln, Salat, Reis, Pommes. Das einzige, was der Wirt und Unternehmer nicht tut: für einzelne Gäste ein zweites Küchenkonzept auf 2121 Metern hochziehen, mit Zutaten, die er extra ins Tal bestellen müsste, für eine Nachfrage, die mehr als überschaubar ist. Das ist keine Ideologie. Das ist eine Alm mit begrenztem Lagerraum und einer Seilbahn, die nicht jeden Tag fährt.
Ein Blick auf die Kommentarspalten erklärt mehr über das Alter der Kritiker als jede Statistik. Aufgewachsen in einer Welt, in der die Eltern beim Kindergeburtstag schon drei Menüoptionen anboten, falls Klein-Kevin keine Petersilie mag. Wer in einem bisherigen Leben für jede Vorliebe eine eigene Speisekarte bekam, hält eine Berghütte, die einfach anbietet, was sie hat, für einen persönlichen Übergriff. Widerspruch kennt diese Generation vor allem als Bug, nicht als Feature. Und weil man ihn selten erlebt, reagiert man darauf wie auf eine Beleidigung: mit einem Stern bei Google und einem Screenshot bei Instagram.
Der eigentliche Witz an der Geschichte: Es geht gar nicht ums Essen. Es geht darum, wer auf einer Speisekarte das letzte Wort haben darf. Der Wirt, der seit Jahren mit den Bauern im Tal handelt — oder der „Gast“, der einmal im Jahr hochsteigt und danach eine Bewertung schreibt, die über die Existenz des Betriebs mitentscheidet? Die Neue Regensburger Hütte im Stubaital hat sich komplett auf vegetarisch umgestellt und bewirbt das offensiv als gesunden Weg. Kann man machen. Muss aber nicht jede Hütte im Land nachmachen, nur weil eine Rezension das verlangt.
Am Ende bleibt eine Alm, auf der ein Mann mit dem kocht, was seine Nachbarn erzeugen, und dafür fürchten muss, seinen Pachtvertrag zu verlieren. Wer hier tatsächlich intolerant ist, sollte sich einfach einmal selbst googeln.
Am Ende dieser ganzen Aufregung bleibt ein erstaunlich einfaches Bild: eine Alm auf 2121 Metern, ein Wirt, der mit dem kocht, was seine Nachbarn erzeugen, und Gäste, die kommen, um genau das zu genießen — Landschaft, Einfachheit, Authentizität. Und doch zeigt der Fall, wie schnell heute aus einem Satz ein Sturm wird, aus einer Haltung ein Skandal, aus einer Speisekarte ein Schlachtfeld. Dabei geht es im Kern um etwas, das wir längst verloren zu haben scheinen: Toleranz. Die Fähigkeit, Unterschiede auszuhalten. Die Gelassenheit, andere Lebensweisen nicht sofort als Angriff zu deuten. Und die Einsicht, dass Genuss nicht überall gleich aussehen muss.
„Man muss nicht alles mögen. Aber man muss auch nicht alles bekämpfen.“
Aus der Kolumne
„Leben und leben lassen“ — dieser Satz klingt altmodisch, aber er ist moderner denn je. Er bedeutet, dass eine Berghütte nicht jeden Wunsch erfüllen muss, um ein guter Ort zu sein. Dass ein Wirt das Recht hat, seine Küche nach den Möglichkeiten und Traditionen seines Tals zu gestalten. Und dass Gäste die Freiheit haben, woanders hinzugehen, wenn sie etwas anderes möchten. Toleranz heißt nicht, dass alles für alle verfügbar sein muss. Toleranz heißt, Vielfalt zu akzeptieren — auch dann, wenn sie nicht dem eigenen Geschmack entspricht.
Genuss entsteht dort, wo man sich einlässt: auf eine Region, auf ihre Produkte, auf ihre Menschen. Wer auf einer Alm isst, isst das, was dort wächst, was dort erzeugt wird, was dort möglich ist. Das ist kein Ausschluss, sondern Authentizität. Und es ist ein Wert, den man nicht mit einem Stern bei Google zerstören sollte.
Vielleicht ist das eigentliche Resümee dieser Geschichte ein sehr einfaches: Man muss nicht alles mögen. Aber man muss auch nicht alles bekämpfen. Man kann Kartoffeln essen, ohne eine Grundsatzdebatte zu beginnen. Man kann eine Hütte verlassen, ohne sie online zu vernichten. Und man kann akzeptieren, dass Genuss manchmal gerade darin liegt, sich auf das einzulassen, was da ist — nicht auf das, was man gerne hätte.
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Jeden Donnerstag: das Beste der Woche, drei Empfehlungen, kein Lärm.